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Hurra, hurra, die Sprache brennt

und uns ist alles piepegal! Rechtsschreibung oder Linksschreibung, der Duden und der Bertelsmann - die können uns jetzt mal.

Selten hat sich die staatliche Autorität selbst so ad absurdum geführt wie durch jenes Reformprojekt, das erst ganz heimlich, still und leise, dann aber immer gewaltsamer und allen Protesten zum Trotz amtlicherseits durchgezogen wurde, schreibt Ulrich Müller (www.mueller-ullrich.com). Denn in dem Maße, wie die Reform immer wieder reformiert und viele Neuerungen durch neue Neuerungen zurückgenommen werden, bekommt die obrigkeitliche Allüre einen sicher nicht beabsichtigten karnevalesken Touch.
Die Schüler können einem leidtun (künftig auch klein und zusammengeschrieben), wenn sie ratsuchend (wieder klein und zusammen) vor dem Schwarzen Brett ("Schwarzen" wieder groß) stehen, weil sie vor Kurzem (groß) all das, was jetzt erlaubt wird, verboten bekamen. "Regelanpassungen" heißt das in der Diktion der "Amtschefskommission Rechtschreibung". Da Kommissionen nicht dazu neigen, sich nach einer Weile als entbehrlich zu betrachten, und da die Sprache etwas Unerschöpfliches ist, wird diese Reformreformreform ad infinitum so weiter gehen.



Inzwischen gibt es keine Rechtschreibung mehr, sondern nur noch Varianten. Die Kinder schreiben anders als die Eltern, die Lehrer wissen nicht recht, was sie lehren sollen, jede Zeitung hat ihr eigenes Regelwerk entworfen, und in der Literatur herrscht ein grelles Durcheinander von verschiedenen Schreibweisen. Innerhalb von fünf Jahren hat sich die deutsche Orthographie privatisiert, wir alle haben ein gewissermaßen postmodernes, dekonstruktivistisches Verhältnis zu Orthographie und Grammatik entwickelt. Dieser indifferent-ironische Umgang steht in erstaunlichem Gegensatz zu der grassieren Wörterklauberei: So erfahren auf der einen Seite das "Wort des Jahres", das "Unwort des Jahres" und jede Menge sonstwie ausgezeichneter Begriffe eine noch nie dagewesene öffentliche Aufmerksamkeit, während auf der anderen Seite die Struktur der Sprache immer irrelevanter wird.



Deregulierung lautet das Motto unserer Epoche; da darf man sich nicht wundern, wenn das auch für die Schrift gilt. Sie ist ja ohnehin durch technische Prozesse immer formbarer und flüchtiger geworden; sie wird nicht mehr in Blei gegossen, sondern vom Computer pixelweise vorgespiegelt. Unter diesem Horizont haben die Regeln, welche die Schrift regieren, keine größere Bedeutung mehr als das nutzlos-spielerische Wissen, das in den beliebten Quiz-Sendungen abgefragt wird. Wir erleben das Fiasko der Rechtschreibreform also auch als Befreiung von einem Zwang, und dies allein erklärt, warum so viele auf das Ganze mit heiterem Achselzucken reagieren.



Wahrhaftig mag man sich über das Desaster einer völlig überflüssigen, kostspieligen, von niemandem außer ein paar durchgeknallten Linguisten gewünschten und von den sich an ihrer Machtvollkommenheit berauschenden Kultusministern autoritär durchgesetzten Rechtschreibreform schon lange nicht mehr mit der eigentlich gebotenen Intensität erregen. Man ist allgemein des Themas müde; wer es trotzdem noch aufgreift, zeigt Züge von Verschrobenheit. Wahrscheinlich ist es dieser Stich ins Bedenkliche und Verrannte, weswegen die Rechtschreibreformgegner von vornherein auf verlorenem Posten standen. Ihr philologischer Eifer wirkte ein bisschen komisch und schien dem verbissenen Treiben des Reformklubs, der nur noch mit sich selbst beschäftigt ist, irgendwie zu entsprechen.



Die neue Permissivität bringt allerdings auch gänzlich neue semantische Konstellationen hervor. Zum Beispiel kann man daraus, wie jemand etwas schreibt, Rückschlüsse auf Alter und Bildung ziehen. Bisher gab es nur die Unterscheidung zwischen falsch und richtig; künftig spreizt sich ein weiter Fächer von Ausdrucksmöglichkeiten. So wie die Engländer am mündlichen Akzent nicht nur erkennen, aus welcher Gegend jemand stammt, sondern auch aus welcher sozialen Schicht, so werden sich die Deutschen durch ihr Geschriebenes bald mehr verraten, als ihnen vielleicht lieb ist.



Die Verschwommenheit der Normen fördert paradoxerweise die Präzision der Analyse. Schon die Tatsache, daß jemand "daß" noch mit "ß" schreibt, zeigt, daß es sich um einen eher konservativen Verfasser, dessen Schulzeit bereits länger zurückliegt, handelt. So hat die Rechtschreibreform die kommunikative Bandbreite des Sprachgebrauchs ungewollt erweitert: Jetzt ist es dahin gekommen, daß Fehler zu Statements werden - beziehungsweise das, was kürzlich zum Fehler erklärt und jetzt wieder zugelassen wurde - bis auf Weiteres (letzteres gleichermaßen groß und klein).



Im übrigen erledigt sich der ganze Zwist wahrscheinlich bald von selbst, weil die Streitenden auf beiden Seiten von Bildern und Bohlen ausgelöscht werden. Denn immer weniger werden diejenigen, die wirklich an der Sprache hängen. Es gibt keine Statistiken, wohl aber Erfahrungen, die zeigen, daß selbst unter Autoren, Redakteuren und Verlagsleuten kaum noch über Wörter gestritten und von Wörtern geschwärmt wird. Statt dessen demonstriert die Sprache der E-Mails jeden Tag, daß Orthographie und Grammatik offenbar entbehrliche Attribute einer vergangenen Zeit waren.



Im weltgeschichtlichen Maßstab, angesichts von Terror, Krieg und Staatsbankrott mögen Rechtschreibregeln von untergeordneter Bedeutung sein. "Haben wir denn sonst keine Sorgen, als uns über die Abschaffung des scharfen ß aufzuregen?" lautet das perfide Argument derer, die das scharfe ß abschaffen. Wahrhaftig, wir haben andere Sorgen. Aber der Sprachzerfall ist eben eine Sorge mehr. Soweit Ulrich Müller auf www.mueller-ullrich.com.



Einem Sprachzerfall entgegenzuwirken, bei Schülerinnen und Schülern Freude an Sprache zu wecken, dazu wurden die 500 Arbeitsblätter www.deutschunddeutlich.de geschaffen. Sie sollen Ihnen, liebe Kollegin, lieber Kollege, viel Aufwand ersparen - damit auch Sie wieder einmal Zeit finden, sich an einem schulfreien Nachmittag mit einem guten Buch auf dem Balkon oder im Garten niederzulassen, wo Sie sich dann mit gutem Gewissen - weil die Deutschstunden für den nächsten Tag schon präpariert sind -an der Schönheit der deutschen Sprache erfreuen können. Und wenn Sie dann mit Arbeitsblatt, Kongenialität und viel Freude vor Ihre Klasse treten, hätte sich mein Aufwand gelohnt und wir könnten damit einen kleinen, aber echten Beitrag zur Linderung der Pisa-Katastrophe leisten. Sollen doch Schulstrategen, Task-Forces, Politikerinnen und Politiker weiterhin in ihrer Reformitis schwelgen, wir gestalten unser Arbeitsmaterial nach gesundem Menschenverstand und nach der Verantwortung, die wir gegenüber Sprache, Kultur und uns anvertrauten Schülerinnen und Schülern haben.



Alte Rechtschreibung, neue Rechtschreibung, alte Rechtschreibung, Regelanpassungen: Die Schulbuchverlage freut’s (auch: freuts). Sie können den alten Wein unter dem Etikett "Neue Rechtschreibung" in neuen Schläuchen verkaufen, immer wieder. Kinder aber wollen Klarheit. Die gestern mühsam gelernten Apostroph-Regeln sind anders als im Text, den wir heute vorlegen. Da leidet doch unsere Glaubwürdigkeit!



Leider kommen Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer nicht mehr umhin, ihr eigenes Lehrmittel zu schaffen. www.deutschunddeutlich.de soll Ihnen, liebe Kollegin, lieber Kollege, Hilfe dazu bieten. Übrigens völlig gratis. Und wenn Sie dann erstaunt feststellen, dass Teures nicht immer besser ist, mailen Sie das entweder Ihrem Kultusministerium oder dann mir als Feedback.

LdeNOSPAMrungsurt@bluewin.ch

(wobei Sie das NOSPAM natürlich weglassen müssen)




Archiv (2)

Hurra, hurra, die Sprache brennt     (06.08.2004)
Langes Reden ist Blech, gekonntes Schweigen ist Silber und deutliche Arbeitsblätter sind Gold.     (19.01.2010)